Am Anfang war das Wort

Am 4. Advent bin ich Euch einen Gedanken schuldig geblieben, den ich bis Weihnachten nicht wieder aufholen konnte. Deshalb gibt es nun gewissermaßen zum Ersatz einen Neujahrsgedanken, der Euch nach Möglichkeit in und durch das neue Jahr begleiten soll.

Manch einer, der meine kleinen „Sonntagsgedanken“ liest und von meinen Romanen weiß, fragt sich vielleicht, wie man zugleich Theologe und Fantasyautor sein kann. Auf der einen Seite die Bibel und strenge Traditionen. Auf der anderen Seite Vampire, Magie und Drachen.
Gut. Für die, die auch die Grundlagen des Glaubens und der Religion für Fantasy halten, ist die Hürde nicht ganz so groß. Aber eigentlich liegen die zwei Welten gar nicht so weit auseinander.
Sehnsucht nach Unsterblichkeit, der Wunsch, Wunder zu wirken und das Außergewöhnliche zu erleben, zu schaffen… Ungeheuer, gegen die wir kämpfen wie David gegen Goliath – das alles findet sich in Fantasyliteratur, in Religionen und im ganz normalen Alltagsleben. Warum also unterscheiden?happy new year
Eigentlich sind wir alle Zauberer; Magier mit der Macht, die Welt zu verändern – nur durch unseren Willenund die Kraft unserer Worte.
Schwachsinn?
„Es werde Licht … und es ward Licht“ gibt’s nicht?
Wann hast Du das letzte Mal zu einem Menschen gesagt „Ich liebe Dich“? Hat er daraufhin gelächelt? Wann wurdest Du das letzte Mal durch die Worte eines anderen zu Tränen gerührt? Was hat mehr Wirkung auf Dich: eine Tablette oder ein Arzt, der mit fester Stimme sagt „Sie werden wieder gesund“?
Es heißt nicht umsonst „jemanden ein Lächeln ins Gesicht zaubern“ oder… „die Magie des Alltags spüren“ oder… „Es grenzt an ein Wunder, dass…“ – Worte haben eine unglaubliche Macht. In der Öffentlichkeit können Worte noch mehr. Sie können Leben zerstören und Panik auslösen – aber auch heilig sprechen und Euphorie auslösen. Aber für diese Macht braucht es nicht unbedingt die Medien. Für uns persönlich reicht das Wort eines Menschen, der bei uns ist – im Guten wie im Bösen.
Das unangenehme am Wort ist, dass es – ist es einmal ausgesprochen oder niedergeschrieben – nicht wieder zurückzunehmen ist. Es bleibt. komme was da wolle. Und es gibt wohl niemanden, der nicht schon Dinge gesagt oder geschrieben hat, die er danach bereut hat. Auch das ist ein Beweis für die Zauberkraft unserer Worte.
Ich weiß genau, welche Kraft meine Worte haben können. Und doch weiß ich ebenso gut, wie oft ein Wort unbedacht meine Lippen verlässt und Schaden anrichtet. Komisch. Mit Worten, die dem Gegenüber gut tun, fällt es mir irgendwie schwerer. Kennt das jemand? Wie schnell sagt man im Streit die dümmsten Dinge ohne Zögern – beleidigt, verletzt, schlägt verbal um sich. Aber wenn wir jemanden gern haben; wenn uns jemand wirklich am Herzen liegt, wie lange hadern wir mit uns, ehe uns einfällt, diesem Jemand genau das zu sagen? Ein „ich liebe Dich“ oder „ich bin so froh, dass es Dich gibt“ in seiner vollen Bedeutung kommt uns viel schwerer über die Lippen.
Können Worte also die Welt verändern? Ja.
Alles um uns und wir selbst sind Teil der Welt, in der wir leben, und egal was wir tun und sagen – es hat Auswirkungen auf diese Welt. Wir müssen weder berühmt sein noch Journalisten. Gut, solche Menschen werden eher gehört. Aber jeder von uns hat ein Gegenüber. Eine Familie, einen Freund oder wenigstens einen Nachbarn oder Kollegen, Bekannte, deren Leben wir streifen. Habt ihr eine Ahnung, wie viel Macht ein einfaches „Guten Morgen“ gepaart mit einem freundlichen Lächeln haben kann?
Ich habe den Selbsttest gemacht. Berlin ist eine Stadt, in der im Großen und Ganzen „keinen niemanden“ kennt. Zumindest scheint man sich jenseits seiner eigenen Straße selten gut genug zu kennen, um sich auf der Straße zu grüßen. Aus kleineren Dörfern kenne ich es anders. Man grüßt sich auf der Straße. Das hab ich einfach auch mal in Berlin versucht und jeden, der entfernt in meine Richtung geblickt hat, freundlich gegrüßt und gelächelt. Die Reaktionen waren toll und augenblicklich ging es auch mir selbst besser und das Lächeln wurde von Gruß zu Gruß auch in meinem Gesicht breiter: In Sekunden spielt sich ein Feuerwerk an Mimik im Gesicht meines Gegenübers ab: Erst Überraschung über die Anrede; dann Verwirrung – „kenn ich die?“; dann Freude über die unerwartet freundliche Geste; und ab und an: Ein ebenso freudiges Zurückgrüßen. Und in diesem Moment weiß ich: Diesem Menschen geht es jetzt besser als vor unserer Begegnung. Und das obwohl wir uns nicht kennen, wahrscheinlich nicht wieder sehen werden und unsere Begegnung nur wenige Sekunden dauerte. Magie. Ein kurzer Zauberspruch mit einer langfristigen Wirkung! Und so ansteckend! Stellt Euch vor, nur jeder 10te lässt sich anstecken und lächelt und grüßt ebenfalls andere, anstatt grimmig und müde umherzuschauen. Der Gedanke, wie einer allein eine ganze Kette an gut gelaunten Menschen auslösen kann – mit nichts außer einem Lächeln und einem dahingemurmelten Gruß – ist das nicht unglaublich schön?
Es ist leicht. Es tut nicht weh. Es kostet weder Zeit, noch Geld, noch Mühe. Aber vielleicht ist diese kleine Geste ein Schmetterlingschlag, der ein ganzes Leben verändert. Denn es ist erwiesen: Wenn wir gute Laune haben, sind wir Menschen hilfsbereiter, geduldiger, verständnisvoller. Wer also im neuen Jahr auch mal den Selbstversuch starten will, sei herzlich eingeladen, mit etwas Magie die Welt zu verändern!
In diesem Sinne ein frohes neues Jahr 2016 wünsche ich Euch allen! Die Macht sei mit Euch und Eurem Wort und Eurem Lächeln! 😉

Sincerely,

the wingscriber pls sig