Welcome to my world.

Tag: Predigt

Eine spontane „Predigt“

Eine liebe Leserin fand gestern heraus, dass ich eigentlich Theologin bin und hat prompt angekündigt, zu meiner ersten Predigt kommen zu wollen. Nun, für die ist sie leider deutlich zu spät dran. Aber ihre Worte ließen mich ins Grübeln kommen.

Predigen, was ist das eigentlich?

Für die meisten da draußen handelt es sich wohl um einen eher negativ konnotierten Begriff. Jedenfalls außerhalb der Kirchenmauern (unter den regelmäßigen Sonntagsgäste einer Kirche fällt das Urteil hoffentlich positiver aus)…

»Eine Gardinenpredigt halten«

»Wasser predigen und Wein trinken«

»Ja, ja, du predigst mir das ja täglich«

Eine Predigt, das ist für viele der Inbegriff für Langeweile, Scheinheiligkeit und ›gut gemeinte Ratschlägen‹.

Warum ist das so? Verbinden wir die Figur auf der Kanzel mit demjenigen, der mit erhobenem Zeigefinger »Du, du, du« sagt, obwohl wir ihn für Weltfremd halten?

Ja, heute vielleicht. Und vielleicht auch ab und an zu Recht. Aber diese Redewendungen sind älter. Sie stammen doch eher aus einer Zeit, in der Glauben noch ›in‹ war.

Warum also das harte Urteil?

Die Gardinenpredigt war die Zurechtweisung des Ehemanns durch seine Frau – aber im Privaten, hinter den Gardinen des Ehebetts (das waren damals noch ›Himmelbetten‹), so dass der Mann nicht öffentlich bloßgestellt wurde. Da ging es also nicht um das Bloßstellen oder Schlecht Machen des Partners, sondern um das Aufzeigen von Problemen in einem geschützten Rahmen. Also die nette Version der Standpauke.

Wasser predigen und Wein trinken … Das stammt von Heinrich Heine. Menschen sind fehlbar. Egal ob sie predigen oder nicht. Und gerade dann, wenn man von ihnen erwartet, es nicht zu sein. Wenn man bedenkt, dass Jesus in der Bibel aus Wasser Wein gemacht hat, ist die Metapher eigentlich anders herum treffender. Man könnte es positiv doch auch so ausdrücken: Gottes Wort macht aus dem Wasser eines mittelmäßigen Predigers und wenig vorbildlichen Menschen Wein für die Hörer seiner Predigt.

Und das Predigen des »Du, du, du« mit erhobenem Zeigefinger? Ich denke, unbequem zu sein, ist eine der Hauptaufgaben einer guten Predigt. Die Wahrheit ist selten bequem und am meisten zwickt sie ihren Hörer, wenn der genau weiß, dass es sich um die Wahrheit handelt.

»Ich predige dir ständig, nicht so schnell zu fahren!«

Meist geht es um Verbote, oft im ›Ich habs Dir ja gesagt‹-Stil hinterher. Sie sind gut gemeint. Meistens. Aber hören wollen wir sie trotzdem nicht.

So wie eine gute Predigt sind solche Ermahnung wie ein Spuk im Kopf, ein Mindfck. Man wird den Gedanken daran nicht mehr los. Meistens liegt das daran, dass man irgendwo in seinem Hinterkopf weiß, dass das Gegenüber recht hat. Dass man wirklich zu schnell gefahren ist – sonst wäre der Unfall wahrscheinlich glimpflicher ausgegangen.

 

Aber bis hierhin habe ich das Bild der Predigt nur mittels sprachlicher Phrasen und Vorurteile definiert. Ja, Predigt soll ermahnen, den Finger auf die richtige Stelle legen. Aber sie soll genauso auch ›erbauen‹, wie es so schön heißt. Also Kraft schenken, einen wieder aufbauen, helfen, sich wieder aufzurichten.

Genaugenommen soll sie jedem Hörer genau das geben, was er braucht. Sei es eine helfende Hand, ein ermutigendes Lächeln – oder ein Tritt in den Allerwertesten.

Im Grunde ist eine Predigt damit nichts anderes als die ›private Standpauke‹ – die Gardinenpredigt eben – oder das Schulter Klopfen Deines besten Freundes. Eines Menschen, der Dich mindestens so gut kennt, wie Du Dich selbst. Übrigens etwas, das ein gläubiger Mensch auch Gott nachsagt.

Dem Prediger natürlich nicht.

Es sei denn, er ist dein bester Freund. Das kann vorkommen. 🙂

Wenn ich auf meinem Blog also wieder Sonntagsgedanken und Moralpredigten zum besten gebe und bei dem einen oder anderen vielleicht etwas am Herz oder Hirn kratze, dann überlegt, was ich wohl erreichen wollte. Keine Ahnung, ob ich etwas anderes predige, als ich lebe. Ich hoffe es nicht. Aber dieses Urteil müsst ihr fällen. Mein Wunsch aber ist, das Wasser meiner Worte in Wein für Eure Seele zu verwandeln. Und ab und an den Spiegel vorzuhalten – und sei es nur, damit ihr Euch und Eure Herausforderungen mal aus einer anderen Perspektive betrachtet.

Was habe ich mich am Anfang dieser »Predigt« (die sich in diesem Moment langsam zu einem Roman entwickelt – in diesem Fall auch nicht sehr positiv konnotiert) gefragt?

Was bedeutet Predigen?

Um gut zu predigen muss man »den Leuten aufs Maul schauen«, das hat schon Luther gewusst. Die Sprache der Hörer kennen. Der Leser. Das ist auch für einen Autor wichtig. Für jeden, der eine Botschaft hat, die gehört und gelesen werden will. Und wenn wir unserem Gegenüber aufs Maul geschaut haben, dann sollten wir danach am besten durchs Ohr, mit Abstecher zum Großhirn direkt ins Herz treffen.

Ob das immer klappt, das sei dahingestellt. 🙂

Sincerely

Wann verjährt der Tod? / When does death expire?

Wann verjährt der Tod?

Hä?

Was für eine absurde Frage!, denkt vielleicht der eine oder die andere. Das Leben endet mit dem Tod (so mehr oder weniger, je nach Ansicht – in jedem Fall endet das Leben, so wie wir es kennen). Aber wann endet der Tod? Gibt es für ihn ein Ende, eine Verjährungsfrist? Und gilt die nur für uns, für die hier auf der Erde das Leben weiter geht oder auch für die, die von uns gegangen sind?

2015-05-23 11.42.57Mir schossen diese Fragen gestern durch den Kopf, als ich mit meiner Mutter das Grab meines Vaters besuchte. Die Sonne schien, der ganze Friedhof war in ein saftig grünes, lebendiges Kleid gehüllt. Ein Ort also, der gar nicht so tot wirkte, wie man meinen sollte. Es war auf eine seltsame Weise schön, dort zu sein und sich um das Grab zu kümmern. Die frühlingshaften Veilchen wichen Margeriten, der weiße Stein wurde poliert, dann brachte ich alle Reste zu einem Korb für Grünabfälle und da sah ich ihn. Direkt vor mir. Zwischen zwei inzwischen ziemlich großen Zierbüschen, dem Grünabfallbehälter und den Gießkannen. Einen alten Grabstein. Er war umgefallen, von Sand und vertrockneten Blättern bedeckt und auch sonst durch Natur und Mensch stark in Mitleidenschaft gezogen. Das war der Moment, in dem eine leise Stimme in meinem Kopf flüsterte „Wann verjährt der Tod? Wie konnte der Stein mit seiner Geschichte und dem, wofür er stand, so in Vergessenheit geraten?“.

Ich lief noch einige Male am Stein vorbei – um Wasser zu holen, Gießkannen zurück zu bringen und ähnliches. Und jedes Mal blieb ich etwas länger vor dem alten Stein stehen. Können einem Steine leid tun? Es fühlte sich für mich beinah so an. Ich machte andere Besucher auf den Grabstein aufmerksam, als sie ihre benutzten Gießkannen darauf abstellen wollten. Alle waren beinah erschrocken, in jedem Fall verlegen, keiner von ihnen hatte bemerkt, dass es sich um einen Grabstein handelte. Kein Wunder, wo seine Inschrift doch kaum noch zu lesen war. Ich nutzte ein paar trockene Zweige und fegte den Dreck weg. Ein paar Minuten später goss ich auch noch Wasser über den Stein und plötzlich hatte er wieder einen Namen – zwei sogar – und eine Botschaft. „Hier ruhen in Frieden…“ Irgendwie fühlte ich mich, als hätte ich zwei Menschen nachträglich etwas zu ihrem Recht verholfen.

Mir ist bewusst, dass es Friedhofsordnungen gibt, nach denen Grabstellen nach einer bestimmten Zeit geräumt werden – beispielsweise wenn sich niemand mehr um das Grab kümmert. Dennoch. Das Grab existierte schließlich noch. Der Stein war noch da! Und doch war er zu einer einfachen Steinplatte zwischen Müllkübel, Gießkanne und Gebüsch geworden. Vergessen.  Gestern hat jemand wieder an die zwei Menschen gedacht, die im ausgehenden 19. Jahrhundert dort beerdigt worden waren. An das Ehepaar, das kurz nacheinander starb und so im Tod wieder vereint war. „Bis dass der Tod uns scheidet“ muss eben nicht immer stimmen. Und für die Momente, in denen er Menschen wiedervereint, wünsche ich mir, dass er mit allem, was nach ihm kommen möge, ewig währt. So ewig wie ein Stein, der die Jahrhunderte überdauert und immer wieder seine Geschichte erzählt – egal wie verborgen sie auch sein mag.

Vielleicht verändert es auch das eigenen Bewusstsein, wenn man selbst einen großen Verlust erlebt. Vielleicht blickt man dann anders auf den Tod. Vielleicht erweist man ihm dann eher Respekt. Für mich hat Respekt vor dem Tod auch etwas mit Respekt vor dem Leben zu tun. Wem bewusst ist, wie schnell der Tod das Leben ablösen kann, der möchte jedem einzelnen Tag ein besonderes Gewicht verleihen. Sei es, ein Stück Vergangenheit aus seinen Schatten befreien – an einem Grabstein auf einem Friedhof – oder einem anderen zu helfen, einen Schritt in Richtung Zukunft zu wagen. Ich finde, das schließt sich nicht aus. Und den Blick nach vorn zu richten bedeutet nicht, dass man nicht mit Achtung auf die Vergangenheit zurückblicken sollte – sei es die eigene oder die anderer.

An Pfingsten blicke ich auf viele Menschen zurück, die meinen Weg bereichert haben, aber heute nicht mehr mit mir gehen. Menschen, die darauf angewiesen sind, dass jemand ihr Andenken wahrt, ihr Grab pflegt. Sie waren Begleiter, Vertraute, Ratgeber, Freunde, Familie und sind zu Pfingsten gegangen. Ich blicke zurück. Erinnere mich an unsere gemeinsame Geschichte und sage mir einmal mehr, dass das beste Andenken ist, mich selbst aufrecht zu halten und meine Geschichte zu erzählen – unsere Geschichte – und tapfer durchzuhalten, auch wenn mich andere nicht erkennen, meine Geschichte nicht hören wollen oder mich der Staub des Alltags einhüllt.

In diesem Sinne: Ich wünsche Euch ein gesegnetes Pfingstfest! Auf dass ein jeder von Euch denen ein strahlendes Denkmal ist, die nicht mehr selbst strahlen können.


 

When does death expire?

Ha?

IMG_0607What a silly question!, may some people think. Life ends with death (more or less, depending on our belief – at least let’s say: life like we know it ends with death). But when does death end? Is there an expiration date for death? And would it be about us, caring no longer, or about those who left too?

These questions came into my mind when I visited – together with my mother – my fathers grave yesterday. The sun was shining and the whole cemetery was covered in lively green. A beautiful place that had nothing about death. Somehow I enjoyed being there and taking care of my father’s grave. The horned violets changed into white and purple marguerites, the white stone became polished and then I brought the waste to its container. That was the moment when I saw it. Directly in front of me. Hidden between old, huge bushes, a waste container and some watering cans… an old grave stone. He was laying on the ground, tumbled down many years ago, covered by dirt and dry leaves and beaten by weather, nature and human. In that moment I heard a low voice whispering „When does death expire? How could a grave stone with its history and meaning be forgotten?“

During my time at the cemetery I walked by the stone several times – to get water, to bring back the watering can etc. Every time I stopped next to the stone and every time I stopped a bit longer than before. Can you feel sorry for a stone? Somehow, I think, I did. I mentioned the stone to other visitors of the cemetery, when they were going to put their watering cans on top of the stone. They all were shocked or at least embarrassed and asserted, that they were not aware of the stone as a grave stone.  No wonder, since the inscription was nearly unreadable. I used some dry sprigs to clean up the stone. A few minutes later I also used water und suddenly the stone got its name back – well, two names – and its message: „Rest in peace…“ Somehow I felt like someone who retrospectively helped two people to assert their rights.

For sure I know that there are rules and laws in Germany about when a grave will get suspended – for example if no one is left to take care about the grave. But still… That grave still existed. The grave stone still existed. But it became a simple stone, covered by bushes, dirt, waste containers and watering cans. Lost and forgotten. Yesterday there was someone who thought about these two people, who bcame buried in the late 19th century. They died shortly after each other, reunited by death. „Till death us do part“ doesn’t always fit. And for those moments when death reunites people, I hope what death and everything coming after him will never end. Eternal like an old stone that never stopps telling its story – even if he is covered by dust and dirt.

Maybe it brings a change of consciousness if you experience a big loss. Maybe it changes your point of view – about death. Maybe you respect it differently. In my eyes respect for death is connected to respect for life. People who know how quickly death can put an end on life act differently. They want to use every day… by freeing the past from shadows – like freeing an old grave from dust and dirt – or by helping someone to find a way into his future. I think caring for past and future are not mutually exclusive. To focus on your future doesn’t mean to forget your past – no matter if it is your past or the past of someone else.

Whitsun I am remembering many people who joined my path but left too early. People like them need others to protect their memories and take care of their graves. They were companions, mentors, friends and family and they passed away around Whitsun. I am looking back, remembering our common (his)story and I come to the conclusion that there is no better memorial than living a life, they can be pround about; to walk upright and tell my story – our story – no matter what will happen. … No matter if people don’t see me because I am too well hidden behind the dust and dirt of my past.

And so I am wishing you a blessed Whitsun! May you find a way to be a great memorial for those who can’t be it anymore.

Sincerely

the wingscriber pls sig

Quasimodogeniti

Am Sonntag durfte ich in meiner Heimatgemeinde Hönow predigen. Für alle, die gern wissen wollen, was ich zu sagen hatte, hier meine Predigt. Sie entstand im Rahmen einer meiner Examensarbeiten und ich bin froh, sie so nicht nur für eine Note, sondern auch für Menschen geschrieben zu haben.

IMG_0215

„Friede sei mit Euch!“

Die Osterfeiertage liegen gerade hinter uns. Wir haben alle mehr oder weniger intensiv die Karwoche und die gesamte Passionszeit erlebt; haben verschiedene Herausforderungen zu verkraften und Prüfungen zu bestehen gehabt. Vielleicht gab es auch gute Nachrichten und Gründe zum Jubeln. Einen auf jeden Fall am vergangenen Sonntag: Das Osterfest, die Auferstehung Christi. Wir haben gefeiert und bei all dem gewusst, dass „die ganze Geschichte“ rund 2000 Jahre her ist.

Das macht es für uns einfacher und schwerer zugleich.

2000 Jahre. Und wir werden jedes Jahr aufs neue daran erinnert: Der Weg nach Jerusalem, der Verrat, die Verurteilung und Kreuzigung und letztlich das große Wunder, das Happy End der Wiederauferstehung. Das ist es, was es für uns einfacher macht. Wir kennen das Ende – und wir haben den räumlichen Abstand, die emotionale Distanz.

Jesu Jünger hatten diesen Luxus nicht. Sie kannten das Ende nicht. Dafür kannten sie ihren Freund und Lehrer Jesus umso besser. Mit Sicherheit hatten sie andere Pläne – mit ihm an ihrer Seite.

Seine Weisheit und seine Wundertaten hatten die Jünger einst angezogen und seine Wortgewandtheit und sein Charisma hielten sie bei ihm. Sie waren fest davon überzeugt: Dieser Mann wird etwas ändern. Dieser Mann wird alles gut werden lassen.

Und dann der Schlag ins Gesicht. Der Stich in die Seifenblase. Blackout. Jesus wird zum Tod am Kreuz verurteilt. Der Verräter stammt aus den eigenen Reihen. Und niemand – weder Gott noch Mensch noch Engel – erscheint, um ihn vor seinem qualvollen Ende zu bewahren. Den Jüngern bleibt nichts anderes übrig, als fassungslos und machtlos zuzusehen, wie der stirbt, an den sie alle so fest geglaubt hatten, für den sie alles aufgegeben hatten. Sie sind unmittelbar dabei und doch ohnmächtig ihm zu helfen. Im Gegenteil: Sie müssen sogar um ihr eigenes Leben fürchten und sich verstecken.

Angst, Misstrauen und Zweifel kriechen ihnen in die Knochen. Wem konnten sie noch trauen? Und hatten sie sich wirklich so in Jesus getäuscht? War alles nur ein fauler Zauber gewesen? Ein Schwindel? Aber sie waren doch selbst dabei gewesen… bei all den Wundern, den großen Taten und Worten. Und doch scheint nun alles vorbei zu sein. Draußen auf den Straßen Jerusalems werden sie angestarrt wie Aussätzige. Man meidet oder beschimpft sie und nicht wenige wollen auch die Jünger tot sehen.

Und dann ist da plötzlich dieses Gerücht, das sie kaum glauben können: Das Grab sei leer und eine der Frauen – Maria aus Magdala – habe ihn gesehen, ja, sogar mit ihm gesprochen!

Jesus! Am Leben! Unglaublich. Kann das stimmen? Ist er wirklich wieder da oder sind das nur die Wunschträume einer trauernden Frau? Ängstlich und verwirrt versammeln sich die verbliebenen Jünger. Sie verschließen die Türen und starren einander schweigend an. Thomas fehlt. Die anderen befürchten das Schlimmste. Vielleicht ist er den Anfeindungen ihrer Gegner zum Opfer gefallen.

„Friede sei mit Euch!“

Diese Stimme! Sie kennen diese Stimme! Auf einmal sehen sie ihn alle direkt vor sich – in ihrer Mitte: Mit Malen an seinen Händen und einer Wunde in der Seite, aber offenbar frei von Leid und Schmerzen: Jesus strahlt sie an mit seinen warmen Augen. Geduldig. Mit diesem gütigen Lächeln, das sie alle so an ihm lieben.

Ein paar sinken zu Boden, anderen halten einander fest, um weiter stehen zu können. Sie sehen, aber sie können kaum fassen, was sie sehen. Er sieht, wie erschrocken sie sind, beruhigt sie, spricht mit angenehmer Stimme. Er erfüllt sie mit dem Heiligen Geist, sagt ihnen Vollmacht zu und will ihnen Sicherheit geben. Sie sind kaum in der Lage, alles zu erfassen, aber allein seine Anwesenheit macht ihnen Mut. Und dann glauben sie wieder und mehr denn je daran: Dieser Mann wird etwas ändern. Dieser Mann wird alles gut werden lassen.

Als sie wieder allein sind, wagt niemand auch nur zu flüstern. Und keiner will die Fragen aussprechen, die ihnen allen durch den Kopf schwirren:

Habt ihr ihn auch gesehen?

Habt ihr ihn gehört?

Er war doch wirklich hier – oder?

Dann öffnet sich die Tür und alle starren gebannt auf den Neuankömmling. Diesmal nicht Jesus, der Herr. Diesmal Thomas, der Zwilling. Thomas, um den sie sich vorhin noch Sorgen gemacht hatten. Thomas, der gleich sieht, dass etwas nicht stimmt. Er setzt gerade an zu fragen, doch noch bevor die erste Silbe seine Lippen verlässt, platzt es aus seinen Freunden heraus: Er ist wieder da! Er lebt! Es stimmt! Der Herr ist auferstanden! Alle rufen durcheinander und von Tränen glasige Augen starren ihm aus blassen Gesichtern entgegen. Ein Funkeln liegt in ihnen.

Und an dieser Stelle muss ich für Thomas eine Lanze brechen. Nach all der Angst, der Enttäuschung und Einsamkeit, nach all den Zweifeln und der Trauer… wer hätte da sofort gerufen „Klasse! Na endlich! Hab ich doch gleich gewusst!“?

Thomas jedenfalls nicht.

Er verbucht den Ausbruch seiner Freunde als Stimmen der Verzweiflung – oder des Weins. Bestenfalls noch als schlechten Scherz.

Mehr als eine Woche vergeht, bevor Thomas eines Besseren belehrt wird. Eine Woche, in der die anderen Jünger immer wieder auf ihn einreden und währenddessen einige selbst wieder anfangen zu zweifeln. Und dann passiert es – wieder. Die Türen sind wie zuvor fest verschlossen, aber plötzlich ist er da. Jesus steht in der Mitte des Raums und diesmal ist Thomas auch dabei. Er steht sogar direkt vor ihm. Thomas Herz setzt für einen Sekundenbruchteil aus und beginnt dann zu rasen.

Sie hatten Recht.

Sie hatten alle Recht gehabt!

Jesu Friedensgruß hört er nur halb. Auch seine ausgestreckten Arme und die Hände, die nach seinen greifen, nimmt er kaum war. Hat er ihn doch schon längst erkannt.

„Mein Herr und mein Gott“, flüstert er ehrfürchtig. Endlich kann auch er von ganzem Herzen glauben. Die Zeit des Zweifelns ist vorbei.

Das ist es, was für uns heute einfacher ist: Wir haben nicht die Tage des Bangens und Zweifelns, diese gefühlte Ewigkeit, die die Jünger vor den vermeintlichen Scherben ihres Glaubens und ihrer Zukunft standen. Wir kennen das Happy End. Seit 2000 Jahren. Damit haben wir es doch einfacher – oder?

Das macht es aber eben auch schwerer! Diese verfluchten 2000 Jahre Abstand, das Nicht live dabei gewesen Sein. Die Distanz. Nicht nur Thomas, sondern alle Jünger haben diesen Moment gebraucht, in dem Jesus vor ihnen stand und direkt zu ihnen sprach. Ohne diesen Moment gäbe es heute wahrscheinlich gar kein Christentum.

Und wir? Wir haben Jesus nicht gehört oder gar gesehen. Wir konnten unsere Finger nicht in seine Male und unsere Hände an seine Seite legen. Dafür haben wir unsere eigenen Sorgen und Ängste, die uns bangen und zweifeln lassen – wann immer wir uns unseren Mitmenschen zuwenden oder uns selbst oder Nachrichten schauen. Da kann man Jesus leicht aus den Augen verlieren, an seiner Leibhaftigkeit zweifeln.

„Selig sind, die mich nicht sehen und doch glauben“, sagt Jesus. Und vielleicht meint er damit gar nicht die anderen Jünger, die ja auch sehen konnten, um zu glauben. Vielleicht meint er uns. Vielleicht meint er all jene, die auf die Worte der Apostel und Evangelisten, der Pfarrer und Prediger angewiesen sind.

Und vielleicht ließ dieser Blick zurück ein besonderes, persönliches Bild des Herrn in unseren Herzen entstehen. Ein Bild, das auf kein Foto passt und uns doch das Gefühl gibt, wie Thomas eine Woche nach Ostern dabei gewesen zu sein. Ein unsichtbares Bild, das uns ohne mit den Augen zu sehen heute von Neuem glauben lässt.

Dann gilt Jesu Gruß auch uns: „Friede sei mit Euch.“

the wingscriber pls sig